Liebe Gemeinde im heutigen Schützengottesdienst,
Die biblische Lesung aus dem Alten Testament, die ich für den heutigen Gottesdienst ausgewählt habe, ist nicht gerade eine bekannte Bibelstelle. Sie erzählt davon, wie die Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems und nach dem babylonischen Exil die Stadtmauern Jerusalems wieder aufbauen. Nehemia, der Anführer der Rückkehrer, berichtet über den Wiederaufbau und erwähnt in diesem Zusammenhang auch die ersten Schützen.
Ich habe sehr wenig Ahnung über den Schützenverein. Aber
ich habe mich umgehört und mich ein bisschen schlau gemacht. Und so habe ich gelernt, dass das Wort
„Schütze“ nicht etwa von „schießen“ kommt, wie ich bislang gedacht hatte, sondern vielmehr etwas mit „Schutz“ und „beschützen“ zu tun hat. Und ich habe
erfahren, dass die Ursprünge der Schützenvereine in den mittelalterlichen Städten liegen. Als eine Art Bürgerwehr hatten die Schützengilden die Aufgabe, die Stadtmauern vor feindlichen Angriffen zu
schützen. Im Mittelalter taten sie es vor allem mit Bogen und Armbrust. Die Schützen waren keine bezahlten Soldaten, die gegen Sold ihren Dienst versahen, sondern es waren Bürger die sich aus Sorge
um das Wohl ihrer Stadt für die Gemeinschaft einsetzten.
Von diesen ursprünglichen Aufgaben der Schützen ist heutzutage nicht mehr viel geblieben. Stadtmauern,
die vor feindlichen Angriffen geschützt werden müssten, gibt es nicht mehr.
Umso reizvoller finde ich es, darüber nachzudenken, was die Schützen heute schützen. Welche Werte gilt es zu schützen und zu verteidigen?
Da fallen mir zunächst einmal Tradition und Brauchtum ein. Schützenfeste werden seit Generationen - abgesehen von kleinen Änderungen - auf nahezu gleiche Art und Weise gefeiert.
Als nächstes fallen mir die Werte von Gemeinschaft und Zusammenhalt ein. Vereinsamung und Vereinzelung sind nicht nur ein Phänomen
der Städte. Auch in den Dörfern leben immer mehr Menschen nebeneinander her. Viele fahren tagsüber zur Arbeit in die umliegenden Städte
und kehren nur abends zurück in ihr Heim im Grünen. Die Nachbarn kennt man oft nur flüchtig, von Neuzugezogenen weiß man vielleicht gerade noch den Namen. Wenn es da gelingt, Menschen
zusammenzubringen und Gemeinschaft zu stiften, ist
das ein wichtiger Dienst für das Gemeinwohl.
Was schützen die Schützen heute?
Als drittes fallen mir Werte ein, die mit dem Schießsport an sich und seinen Eigenarten zu tun haben.
1. Das erste, was beim Schießen wichtig ist, ist, dass man ein Ziel haben und dieses Ziel kennen muss. Was
für
den Schießsport gilt, gilt auch für unser Leben. Nur wenn wir unser Ziel kennen und unseren Ursprung, wird unser Leben gelingen. Für uns Christen liegen Ursprung und Ziel unseres Lebens in
Gott.
2. Ein zweites, was beim Schießen wichtig ist, ist Vorsicht. Ein Schütze muss mit der Waffe behutsam
umgehen, leichtfertiges Handeln kann schnell zu Unfällen führen. Auch dies lässt sich in unserem alltäglichen Leben wieder finden. Vorsicht und Rücksichtnahme im Umgang
mit sich selbst und anderen zeichnen einen Verantwortungsvollen und reifen Menschen aus.
Das Evangelium formuliert das in dem einen großartigen Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und fasst damit alle Regeln, die es im Lebenbraucht, zusammen.
Wir sehen also, dass die Schützen auch in unserer Zeit noch einiges schützen können. Keine Stadtmauern und Tore, aber manche Traditionen, Werte und Prinzipien.
Aber die Schützen selber brauchen - so wie wir alle - auch selber Schutz.
Oder anders gesagt: die Fürsorge und Begleitung Gottes. Sie brauchen den Segen Gottes. Damit Streit und Missverständnisse, Neid und Missgunst, die zu jeder
menschlichen Gemeinschaft dazu gehören, sie nicht trennen. Und damit sie genügend Kraft, Freude und Energie für ihr Engagement behalten.
Nehemia und seine Schützentruppe, von denen wir vorhin gehört haben, waren voller Vertrauen auf die Fürsorge und den Segen Gottes. Aus diesem Vertrauen haben sie die Kraft bekommen, Tag und Nacht an ihrer Aufgabe festzuhalten und die zerstörten Stadtmauern Jerusalems wieder aufzubauen.
Und um dieses Vertrauen in Gott auch unter uns heute im Jahr 2012 in Langensendelbach zu stärken, ist es gut das Schützenfest mit einer Eucharistiefeier zu beginnen und Gott um seinen Segen zu bitten. Amen.
Für die Idee zu dieser Predigt danke ich Pfarrer Dr. Carsten Roeger
Schützenverein Bavaria Langensendelbach 1921 e.V.
